Roger Suffo 999
Sonne in der Nacht, aber ohne Zitrone bitte

Apr
08

Vorweg: Das Buch ist meiner Meinung nach zurecht eine der ganz großen Dystopien überhaupt. Obwohl ich viele Auffassungen des Autors nicht teilen kann, habe ich es mit Interesse zuende gelesen. Eine starke Kulturkritik, aber … wiederholt kommt der enge Horizont des Autor zum Vorschein. Während die Idee, Ford eine Art Gottstatus zuzubilligen, genial zu nennen ist, sind die Anklänge, in denen ganz nebenbei der Kommunismus mit erledigt werden soll, peinlich komisch. Huxley scheint da nur“Gleichmacherei“ und Personenkult gehört zu haben, und so verballhornt er seine Kunstmenschen eben auch in Marxe und die Lenina. Allerdings wäre der Test angebracht, inwieweit sich heutige Menschen als „genormt“ erkennen – auch wenn diese „Normung“ im Sinne des Funktionierens schon weit verbreitet ist … vielleicht aber auch deshalb: Er beschreibt ja überzeugend, dass seine Zuchtmenschen nicht begreifen, wieso der Wilde meint, sie befreien zu müssen. Das haben die heutigen Durchschnittsmenschen, die brav Mainstreammedien konsumieren mit diesen Retortenprodukten gemein. Huxleys Hohelied auf religiöses Denken in Verbindung mit der (Nicht-)Kommunikation zwischen dem Wilden und der Lenina und die nachfolgende Selbstgeißelung wird durch die Enthüllungen sexuellen Missbrauchs infolge geistiger Kastration der Täter peinlich.
Die Schwierigkeit des Buches liegt für mich in den negativen Extremen auf beiden Seiten (wahrscheinlich der Weltsicht auf die Blockkonfrontation geschuldet): Während Huxley den Leser das gleichschaltend primitive schwache, durch Drogen „gesicherte“, nach Kasten „genormte“ „Glück“ ablehnen lässt, stellt er ihm den Dreck, die Dummheit und Verwahrlosung des Wilden (unter den Wilden) gegenüber. Vielleicht hätte er auf dessen soziale Sonderstellung verzichten sollen, denn er ist ja besonders freudianisch krank. Seine Vorprägung als Ausgestoßener, der als Kind hätte so gern dazugehören wollen, aber stets seine Außenseiterrolle empfinden ließ, lässt ihn später, als er in dem erzählten Paradies auf – im Sinne seiner vorher angestrebten Gemeinschaftsnorm – Ekelhaftes, Unmenschliches stößt. So scheitert die entscheidende Szene, die der Frage entsprechen könnte „Hatten Romeo und Julia Sex und es lag nur in Shakespeares Takt, dies nicht im Einzelnen zu beschreiben?“ bzw. „Wäre es nicht wenigstens besser gewesen, wenn sie welchen gehabt hätten?“. Diese Option kommt im Denken des Wilden nicht vor, und so merkt er gar nicht, dass die Annäherung der Lenina bereits nicht mehr eine rein fleischliche Lust ist („Metze), wie es ihrer Normung entsprochen hätte, sondern einen sehr individuellen „hohen“ menschlichen Gefühl Platz zu machen begann. Das Mädchen, das ihn hätte verstehen wollen – und vielleicht allmählich auch verstanden hätte – verstößt er, während er primitiv Genormte meint, befreien zu können, indem er ihnen ihre Glücksdroge wegwirft. (Vielleicht ein Hinweis an künftige Revolutionäre, am Grad der Verständnisfähigkeit der Massen anzuknüpfen?)
Die durch Zufälle Abweichungen von der Normung in Richtung individuellen Handelns zeigen, werden auf Inseln verbannt. Wie viele mögen das sein? Wie werden die sich entwickeln, die Entwicklung der Erdbevölkerung beeinflussen? Huxley hält sie als Reserve.Er droht aber mit Selbstzerfleischung der Test-Alphas. Womit sich das Gedankengebäude in Widersprüche verstrickt, weil eben unterschiedliche Menschen gebraucht werden. Nur wie sieht die „schöne neue Welt“ dann aus?

Dez
10

Wer sich mit DDR-SF beschäftigt, sollte zum Vergleich auch gelegentlich gen Westen gucken. Der Roman „Ärger …“ wirkt da ernüchternd: Nicht nur, dass überall nur mit Wasser gekocht wird, es ist eben SF im engen und weiten Sinn „politische Literatur“, die das Denken der jeweiligen Herkunftswelt des Autoren verrät. Die Herkunftswelt dieses Romans ist eben Kapitalismus.
Die Handlung? In einem privaten Eliteforschungsinstitut gibt die zufällige Entdeckung der besonderen Eigenschaften einer Flechte zwei Menschen eine große Chance. Was passiert, wenn das Leben auf eine Dauer von bis zu 300 Jahren verlängert werden könnte? Die Vorstellungen dazu machen den Hauptteil des Buches aus. Es sei die Kürze des bisher gegebenen Lebens, die vernünftigen Erwägungen, was man tut, entgegensteht. „Man“ (hier vorrangig Frau) füge sich in Untertanenverhältnisse, weil das Aufbegehren nicht lohnt.
Etwas Handlung gibt es auch: Eine weibliche Heldin wird unter viel Pomp und Anteilnahme beerdigt. Dann folgt ihr Lebenslauf als junges Mädchen und junger Frau, alles erzählt in britischer Behäbigkeit. Dann kommt die Entdeckung. Der Institutsleiter hält sie geheim, die Frau wendet sie als „Schönheitssalon“ an für gelangweilte Frauen der Oberschicht – erst einmal geheim. Als der Institutsleiter seinen erwachsenen Kindern offenbart, was er an ihnen und sich angewendet hat, ärgert sich eine potentielle Schwiegertochter, die das wahnsinnige Geschäft schmerzt, dass ihr hier entgeht und die Lebensjahre, um die sich eich betrogen fühlt. Alles wird bekannt – bis auf die tatsächliche Quelle des Wunderstoffs. Hier gibt es auch ein paar vergnügliche Seiten, die sich mit Täuschung der Öffentlichkeit beschäftigen. Soll das Mittel zugelassen werden bzw. wer sichert sich welche Rohstoffe. Schließlich löst sich der Tod der Frau als Inszenierung auf, um in aller Heimlichkeit weiterforschen zu können.
Gelegentlich fiel mir bei den widerwärtigen Gedanken, die die Protagonisten umtreiben, ein, dass heutzutage eine verlängerte Lebenserwartung NUR als Last der Gesellschaft, weil Verlängerung der Greisenhaftigkeit betrachtet wird. Das Ziel der in dem Buch angestrebten Anwendung, nämlich das aktive Leben zu verlängern, wird gar nicht mehr laut gedacht. Alles kein Segen? Und da der Autor eben die britische Gesellschaft als Weltmaß zugrunde legt, sind in diesem Fall auch die Chinesen Fortschrittsgegner, weil die ihr Bevölkerungswachstum verhindern wollen. (Nicht, dass ich deren Methoden der Familienplanung gut fände.)
Zurück blieb Enttäuschung. Was wollte uns der Autor, nein, was konnte der Autor uns sagen?Ein beschränktes Denken zwischen Biologismus und Profitorientierung …

Nov
15

Ich habe das Buch bis zu Enede gelesen und es nicht bereut. Trotzdem habe ich mich mehrmals vergewissert: Es stammt aus dem Jahr 1967. Mit welcher Naivität darin davon ausgegangen wird, dass in einer noch lange nach uns heute liegenden Zeit mit Loch- und Magnetstreifen gearbeitet werden würde, dass man von schweren Rechnersystemen ausgeht, deren Leistungsfähigkeit weit hinter der heute erreichten liegt, dann wird das Buch irgendwie mottenfraßig. Dazu kommt, dass die Hinweise, die abstrakt zu erklären versucht, dass man, also wie man im Kommunismus lebt. Diese Passagen riechen nach vorauseilendem Gehorsam, mit dem der Autor dass Wohlwollen der Kulturfunktionäre zu gewinnen hoffte. Für mich kontraproduktiv wirkt die größenwahnsinnige Perspektive des Buches, also dass es geschrieben ist, als sei es von einem Menschen aus der Zukunft der geschilderten Zukunft rückblickend geschrieben. Das wirkt zum einen unlogisch, weil der Erzähler so tut, als wisse er etwas, was seine Zeitgenossen nicht wüssten, das nimmt aber auch viele Möglichkeiten, Spannung zu erzeugen. Es ist letztlich eine Schilderung, wie toll doch die Menschheit gewesen sei, dass sie das alles gelöst habe – womit eben viel vorweg genommen ist.
Dabei ist die Handlungsidee eigentlich extrem: Ein Materiefeld mit mehreren Planetoiden nähert sich dem Sonnensystem auf einem Kurs, der das wahrscheinliche Ende des Lebens auf der Erde bedeuten würde. Dies ist das Ergebnis einer verschlüsselten Botschaft von Außerirdischen. 100 Jahre haben die Erdenbewohner Zeit. Zeit also für Erkundungsflüge und Erfahrungen mit dem Verhalten von Menschen im Verlauf von Langzeitflügen. Da kommt zweimal auch ein wenig Spannung auf: Einmal als eine psychosomatische Lethargie-Erkrankung um sich greift und das andere Mal, als eine Virenmutation eines der Raumschiffe im engsten Sinn die Substanz eines der Schiffe angreift,
Alle handelnden Personen sind positive Charaktere. Kleine Reibereien entstehen durch (psychische) „Krankheiten“ und Selbstüberforderung bei der Arbeit. Ihre Lösung wird durch eine klärendes Eingreifen Nahestehender erreicht – wenn auch nicht immer am optimalen Zeitpunkt.
Ein Detail gefiel mir in seiner (Nicht-)Darstellung: Die familiären Nebeninfos machen klar: Lutz Gemba hat einen afrikanischen Einschlag im Äußeren, aber niemand hält für erforderlich, es in irgendeiner Weise zu erwähnen.
In erster Linie ist das Buch ein Dokument, wie man sich vor 50 Jahren in der DDR die Zukunft dachte. Traurig dabei, dass Kuschel den Zweifel des Starwissenschaftlers an der Beherrschabarkeit der Hyperfusion zu schweren Kernen keinen positiven Wert zuordnen mag, sie eher in Fortschrittsgläubiskeit untergehen.

Nov
05

Eine Sammlung von Stories zu rezensieren ist immer schwierig. Bei dieser besonders, weil von keiner Geschichte auf die nächsten geschlossen werden kann. Wenigstens zwei bieten skurrile Wege an, wie Slov ant Galis Lieblingsgesellschaft, so eine Art Kommunismus, erkämpft werden könnte, beide aber sicher nicht ernst gemeint. Immerhin führen ihn in der einen die Erde im Handstreich besetzende Außerirdische ein.
Da hält der Autor wohl den Untergang der irdischen Zivilisation für ein wahrscheinlichere Zukunftsvision, die mehrere Geschichten auf unterschiedliche Weise behandeln. Darunter ist selbstverständlich eine herrlich absurde, in der die Menschheit ausstirbt, weil alle Frauen von Laborflöhen gebissen werden. Deren Wirkung ist eine ungebremste Sexlust, die alles Andere abschaltet. Der Konzern wollte doch „nur“ Profit machen. Natürlich ist auch ein bisschen Rache der Natur an den Menschen dabei – Horror mit Augenzwinkern. Immer wieder die Frage der persönlichen Verantwortung, das Mitmachen oder das Aussteigen, weil man nicht ein Rädchen sein will, das macht, was scheinbar jeder macht. Dabei wird Gegenwärtiges auf die Spitze getrieben. Big Brother und NSA-Skandal finden grausige Fortsetzungen. Allerdings empfinde ich diese Geschichte als schwächste im Band.
Gefechte zwischen Raumschiffen finden nicht statt, dafür aber eine Raumschiffentführung und Visionen zwischen Wirklichkeit und Einbildung, bei denen sich der Leser seinen Teil denken muss.
Die Titelgeschichte hätte sicher zu einer Star-Trek-Folge umgearbeitet werden können. Evolution und Absonderlichkeiten. Was passiert, wenn sich alle eingefügt haben, und erst ein von außen Kommender bemerkt, dass etwas nicht stimmt?
Einem echten SF-Fan muss man das „Großvaterparadoxon“ nicht erklären. Mit ihm spielt der Autor recht naiv-freundlich.
Vielleicht sollte man mehr Didaktik von den Geschichten verlangen, eine klare Aussage, warum die jeweilige Geschichte erzählt wird und wie ernst man das nehmen soll, was man gerade gelesen hat. Mir gefällt hier aber mehr, dass manche surreale Schwebe erhalten bleibt. Mir geht es ein wenig wie dem Psychiater in der verstörenden Eröffnungsgeschichte „Abea“, der sicher ist, dass hinter der erzählten eine ganz andere Geschichte steckt. Vor der schützt sich der unheldische Held mit einem kräftigen Schuss Fantasie. Der Fantasie des Leser zuträglich ist wahrscheinlich, wenn man manche Auffassungen des Autor aus „Gemeinschaft der Glückssüchtigen“ schon kennt – aber dann weiß man vielleicht doch, was er sagen möchte …

Nov
05

Vorsicht: In diesem Buch versuchen zwei Autoren den nichts Böses ahnenden Leser immer wieder neu durch lockeres Geplauder zwischendurch so lange einzulullen, bis er mit der nächsten Pointe nicht mehr rechnet. Vor allem Gunda Jaron lässt ihre Leser mit offenbarem Vergnügen zappeln, bis er auf die ausgelegte falsche Spur reingefallen ist. Zumindest die FKK-Psychologie durchbricht aber dieses Muster: Der Leser darf früh schmunzeln und er kann nachher nur darüber diskutieren, ob der nächste den vorigen Gedanken getoppt hat. Die Richtung aber bleibt gleich: Der FKKler ist eben … eigen. (Wobei die Erzählerin ja selbst dazu gehört.) Ansonsten wäre es unfair, die Handlung einzelner Geschichten in einem Satz zu erzählen: Entweder man verrät die Pointe, auf die alles hinsteuert oder man erzählt nicht die Geschichte, wie sie gemeint ist. Insofern sind einige Texte dabei, die sich aufdrängen, ein zweites Mal gelesen zu werden, wenn man gerade fertig ist: Man kann dann die Stellen entdecken, die schon auf die richtige Lösung hingedeutet haben, an denen man aber lesend vorbei geführt wurde. Nur eines sei verraten: Mehrmals werden Morde begangen. Und bei den Texten, die ganz ohne Verbrechen auskommen, lauern die furchtbar doofen Tücken des Alltags – kann man doofe Lieder zu singen.
Insgesamt waren die Autoren allerdings sehr in ihren „roten Faden´“ verliebt und die meisten Gedichte sind intellektuell wenig „anspruchsvoll“.
… 2.
Mit Saufen bringt Ernst, welch‘ Blamage,
die Freundin tagtäglich in Rage.
Er kann nur noch lallen,
da lässt sie ihn fallen
vom Fenster der siebten Etage. …

Das ist auch der Vorzug des ganzen Bandes: Man kann beim Lesen entspannen. Wer allerdings unterwegs lesen will, der sollte aufpassen: Die Geschichten sollten einzeln im Ganzen gelesen werden.

Okt
24

Klar habe ich auch einige Liebesgedichte geschrieben. Das macht doch jeder mal. Aber nicht so verschiedene, nicht solche, die sich ein Paar zum Hochzeitstag schenken kann und kein Schmalz bleibt kleben, eher so ein hintergründiges Schmunzeln der Heineschen Art. Man kann das Buch auch als Lebensgeschichte lesen, angefangen mit nicht immer erfolgreicher Fühlung-Aufnahme, die Phase des Himmehochjauchzens fällt zum Glück nicht zu lang aus. Schon kommt die Zeit nach dem filmischen Happyend, bei dem im Film nach Tucholsky ausgeblend´ wird. Hier nicht. Hier gehen die Helden fremd – und sei es nur in Gedanken – oder sie mischen einander „Wohlriechende Trichterlinge“ (solche Pilze gibt’s wirklich, sollte man meiden) in ihr Zeitgulasch, tun sich weh, bereuen, entfremden sich im Alltag und enden doch in Gefühlen am Rande der Steinernen Hochzeit, es hat sich gelohnt.
Schön auch der Wechsel der Stile und „Tonarten“. Der liegt nicht nur daran, dass die drei Autoren sich ständig gegenseitig ablösen. Sie spielen ja auch mit Motiven wie dem Feuer speienden Drachen oder dem Wunsch, ihr Leben wie ein zu eng gewordenes Kleid abzulegen, den sich die Partner nicht erfüllen können. Ich fand genug „moderne Lyrik“, aber eben auch klassisch Gereimtes und Gedichte, bei denen ich über so viel mehr oder weniger schwarzen Humor mir das Grinsen nicht verkneifen konnte. Und das Heulen auch nicht. Das will schon was heißen.
Vielleicht zum Abschluss etwas „Theoretisches“. Wenn man über einen Gedichtband schreibt, darf man ja wohl ein Gedicht vorstellen:
wir alle
sind inseln
felsen im ozean
manchmal
reiten sirenen
auf unserem
sonnigen punkt
dann kuschelt sich
strandgut
an unsere
grindige haut
bevor die flut
alles fortspült 
später
nennen wir es
liebe
„Liebe m.b.H.“ sieht auch Optimistischeres …

Okt
15

Als Untertitel erlaubte sich der Verlag Das Neue Berlin „Phantastische Erzählungen“. Gerade wegen der Mehrdeutigkeit von „fantastisch“ eine Hochstapelei. Wer etwas über DDR-Literatur wissen will, sollte allerdings dieses Büchlein nicht ignorieren. Die meisten der sieben Geschichten sind eindeutige Kritiken an realen DDR-Problemen. Zumindest die Eröffnungsgeschichte „Der Irrtum“ aber halte ich für gescheitert. Sie hat einen genialen Grundgedanken: Da sich manche Entscheidungsträger zu DDR-Zeiten aufführten wie feudale Kleinfürsten, drehte Möckel den Spieß um, versetzt einen Feudalherren auf der Flucht vor den Wellen der französischen bürgerlichen Revolution ins DDR-Thüringen und zeigt, dass er sich dort als Chef breit machen kann. Also eigentlich zeigt er das nicht, denn der Hobbyforscher, der ihn auf die Zeitreise schickt, kommt erst 20 Jahre später an und merkt nur das Ergebnis. Die über 50 Seiten drehen sich überwiegend um Nebenhandlungen oder Behauptungen. Alles das, was spannend gewesen wäre, wird rausgeschnitten; anstattdessen gibt es einen besänftigenden Schluss, der aber Unlogiken in der Erzählperspektive verstärkt.
Auch „Das Märchen vom Träumen“ leidet unter der Vordergründigkeit der dick aufgetragenen Absicht. Ich wollte das Buch schon enttäuscht abtun, las dann aber mehrere kurze Texte nacheinander, die einfach vergnüglich oder richtig grotesk waren. Die jeweilige Kürze gönnte dem Autor, sich ganz auf seine eine Idee zu stürzen und Lesenswertes draus zu machen. Besonders „Flusspferde eingetroffen“ karikierte Kleinbürgerlichkeit ins Absurde. Die Idee: Die Heldin hört, es ist modern, Flusspferde zu besitzen, stellt sich an die DDR-typische Schlange an und erwirbt etwas, womit sie nichts anfangen, das sie aber auch nicht loswerden kann. Diese Geschichte besitzt dann auch noch eine diese Idee übersteigernde Pointe.
Die Titelgeschichte ist das nicht nur ihrer Länge wegen. Die Hauptstadtgläubigkeit der DDR-Führung verführt Möckel zu einer Geschichte, in der eine dreiteilige vernünftige, ruhige Welt gemalt wird. Die Heldin ist Dozentin an einer (haupt)städtischen Elitebildungseinrichtung. Ihr Beststudent düpiert sie bei der feierlichen Zeugnisübergabe damit, dass er nicht im Glanz des Glases bleiben möchte, sondern raus in die Praxis der „Bezirke“. Aus dem Wunsch heraus, ihn draußen wegen seines ihr unbegreiflichen Verhaltens zu befragen wird eine Reise in eine andere Welt. Manche Längen sind auch hier enthalten, aber das Ende der Geschichte vermeidet die vordergründig didaktische Lösung, sie ist poetisch und … also es wäre schade, hätte ich die nicht gelesen. Freunde von Mr. Spock von der Enterprise werden ihretwegen vielleicht knurren …

Okt
08

Die Frage, wozu SF-Romane gut sind, ob sie also einen Platz innerhalb der „richtigen“ Literatur verdienen, stellt sich mir immer wieder – gerade, weil es so viel Trash dabei gibt. Aber sind nicht mehr als 80 % aller gelesenen anderen Bücher der „Belletristik“ auch Trash: Liebes- Arzt-, Heimat- und sonstwas für „Romane“?
Der Adamow-Roman erschien seinerzeit in der DDR unter dem Label „Wissenschaftlich-phantastischer Roman“ und war auf Jungen um 14 als Leser zugeschnitten.
Das Gemeine an ihm: Er erzählt Wissenschaftliches, Historisches usw. in lockerer Vermischung mit „Fantastischem“. Einem jungen Leser kann es da schon einmal passieren, dass er nicht mehr Wirkliches von Ersponnenem unterscheiden kann. Dazu trägt natürlich seine Handlungszeit bei. Der Roman liefert nämlich eine eigene Erklärung, warum Japan im 2. Weltkrieg nicht die Sowjetunion angegriffen hat. Das lag nämlich am Einsatz eines U-Bootes mit technischer Überlegenheit, Strahlenwaffen usw. Die Reise dieses U-Bootes um die Welt von der Ostsee bis nach Wladiwostok bildet den Rahmen der Handlung. An Bort befindet sich ein Verräter, der immer neu Situationen organisiert, durch die dieses Superprodukt unschädlich gemacht werden soll. Als Held der besonderen Art wirkt Pawlik, ein Junge, den das U-Boot als Zeuge eines Schiffsunglücks an Bord genommen hat. Mal bewusst, meist unbewusst sorgt er dafür, dass letztlich fast alles gut ausgeht.
Was hier teilweise ganz nebenbei beschrieben wird, regt die Fantasie sehr stark an, und „klassischer“ kann man das Prinzip der Symbiose in der Natur nicht darstellen. Gerade deshalb nimmt man die Existenz von Tiefsee-Ungeheuern als natürlich entgegen.
Pawlik ist naiv und wissbegierig. Seine Erfindung macht viele technischen, aber vor allem biologischen Erklärungen nachvollziehbar – eine Klippe, über die viele SF-Erzähler scherzhaft stolpern. Die wissen, dass der Leser eine Menge erklärt bekommen muss und lassen dies Beteiligte einander erklären – man kann aber davon ausgehen, dass in Raumschiffen auch die Nicht-Spezialisten einen groben Überblick über Grundsätzliches haben und meist nur gesagt bekommen müssten, dass dies da xxx ist. Pawlik darf über alles staunen. Dass natürlich die Sowjetmänner in dem Buch die Guten sind, versteht sich von selbst. Dass das Buch viele Forschungsfragen von Biotechnologien vorwegnimmt, spricht für den Horizont und den Optimismus des Autors.
Es lohnt sich übrigens, eine Erdkarte zur Hilfe zu nehmen und darauf die Route des Schiffes zu verfolgen. Wie gesagt, mitunter ist es schwierig zu erkennen, wann die reine Erfindung beginnt, denn man „lernt“ viel über „Kreationsweisen“ der Natur … uns spannend ist das Buch fast durchgängig. Des Action-Vorspiels, bei dem der Leser noch nichts zuordnen kann, hätte es nicht bedurft …

Sep
22

Was erwartet man von einem SF-Roman? Je nach dem wird man diesen gut oder vielleicht bescheuert finden. Sein unbestreitbarer Vorzug: Er strotzt von geschickt gezügelter Fantasie und ist unterhaltsam und spannend. Leider leidet darunter die Logik, vor allem aber die Psychologik. Wer den Roman gleich ohne Kapitel 2 „Leander“ liest, kommt vielleicht zu anderen Schlüssen. Nach diesem Kapitel fragt man sich, wer diese Truppe als Auserlesene der Menschheit ins Weltall zu schicken verantworten wagt – und das mit einem Raumschiff, das an der Verschrottungsgrenze liegt. Dies ist selbst bei vorfallsfreien vier Flugjahren sträflich. Das Problem ist, dass ein nicht unwesentlicher Anteil an der Spannung aus dem Spannungsverhältnis zwischen diesen spätpubertären Jungs erwächst.
Was hervorragend funktioniert, ist das Verfolgen der (späteren) Handlung aus der Sicht der mit anderen, besseren Informationen Leser mit Blick auf die ahnungslosen Handelnden. Sähe der Leser in den „Angreifern“ die Riesenasseln, die die Raumfahrer sehen, wäre die Handlung sehr einschichtig.
Die Handlung zu erzählen wäre gemein. Der Autor füttert den Leser vorsätzlich mit Infos, die eine Spannungsbrille produzieren. Nur so viel: Jenes zweifelhafte Raumschiff mit seiner z.T. zweifelhaften Besatzung soll nicht nur Vermessungsaufgaben in einem entlegenen Sonnensystem durchführen, sondern auch zwei Raumfahrer retten, von denen ein verstümmelter Spruch auf der Erde angekommen ist. In wilden Abenteuern lernen sie, einander zu akzeptieren und so sehr zu mögen, dass sie sogar eine Art Meuterei wagen.
Zu den logischen Zweifelhaftigkeiten gehört die Ahnungslosigkeit der hoch entwickelten Außerirdischen, einer genetischen Manipulation, die auf einen Zeitraum von Millionen Jahren angelegt sein soll, nicht von vornherein zuzuschreiben, dass sie ein wenig aus dem Ruder läuft – noch dazu, wo sie eigentlich das macht, was die Superklugen von ihr wollten.
Der Roman ist kein typischer utopischer DDR-Roman, in dem kommunistisch angehauchte Gesellschaftsbilder gemalt werden. Seine Helden haben so viele Schwächen, dass man ihnen auf der Erde millionenfach begegnen könnte (weshalb sie eher nicht kosmostauglich wären).
Wenn er eine „Lehre“ transportiert, dann die, wie sehr das, was wir „sehen“ von dem abhängig ist, was wir (nicht) wissen. Das macht der Erzähler wunderbar. Übrigens musste ich bei einem Wiedersehen in einer „Star trek“-Folge die „Schweigenden Engel“ wieder.

Jul
02

Das Büchlein verdient auf jeden Fall mehr Aufmerksamkeit.
Das Grundmuster ist einfache SF: Ein kleines Raumschiff ist unterwegs zu einem Planeten, auf dem es intelligentes Leben geben könnte. Unterwegs gibt es eine Katastrophe. Der Kapitän stirbt, das Raumschiff behält nur Reste seiner Manövrierfähigkeit. Zum Überleben müssen die fünf Kosmonauten ein fast unmögliches Landeunternehmen starten, in dessen Ergebnis sie voneinander getrennt werden. Sie geraten in die Welt eines Unterdrückungssystems. Deren Machtbasis erscheint mystisch: Der Besitz von „Mondfischen“ sichert gesundes Leben. Doch dahinter steckt der Schutz vor Strahlungsschäden. Doch wichtig ist, dass ein Volk Glatthaariger das der Krausköpfigen unterdrückt und zum Arbeiten für sie zwingt. Widerstand wurde bisher gewaltsam gebrochen. Die Menschen ähneln den Bewohnern, sind ihnen aber in Körperwuchs und Entwicklungsniveau überlegen. Ihre Vorgabe, sich nicht in die inneren Verhältnisse einzumischen, ist gegenstandslos geworden, weil sie zu Teilen der Lebensgemeinschaft werden – jeder durch den Zufall des ersten Kontakts und persönliche Eigenheiten anders. Dabei wird ausgerechnet der Kosmonaut, der das „sonnigste Gemüt“ hatte, schuldig. Er wird vorübergehend zum Werkzeug der Herrschenden. Andere werden zu Kämpfern, Gefangenen, letztlich zu Führungsgestalten in einem erfolgreichen Aufstand. Die Verknüpfung von Handlungssträngen, persönlichen Interessen und Handlungen ist dabei so komplex miteinander verwoben, dass kein Nacherzählen alles angemessen erwähnen kann. Auf kein Gestaltungselement wird verzichtet. Liebe, glückliche und unglückliche, Humor, gerade in den Versuchen zu kommunizieren, wenn die gegenseitigen Missverständnisse ausgekostet werden, Spannung und Dramatik.
Dabei versucht sich Klauß sogar daran, die Theorie des „sozialistischen Realismus“ praktisch umzusetzen: Er versucht die wesentlichen, die typischen Gruppen einer Gesellschaft in ihrem Wollen und Tun möglichst genau zu skizzieren. So gelingt es ihm auch, die Unterdrücker als eben nicht von Grund auf böse zu verurteilen.
Es lohnt sich, das Buch mehrmals zu lesen. Die einzige Gestalt, die ich dem Autor etwas verüble, weil sie zu sehr Typ geworden ist, ist das Indio-Mitglied der Crew. Und für meinen Geschmack verzichtet die Randelana zu komplikationslos auf ihre Liebe zum Mann.
Ein schmaler Band, opulent ausgestaltet.